Carl Hahn

(1894–1961)

 
         

Er schrieb seine Doktor-Arbeit über die Landflucht der Bauern in Österreich, brachte die kränkelnde Chemnitzer Maschinenfabrik Germania mit der Serienproduktion von Revolverdrehbänken auf industriellen Vordermann, war Chef einer Zigaretten-Fabrik (Brinkmann in Bremen), erfand mit Tabakpress-Know-how die o.b.-Tampons, war Jäger (schoss mit 12 den ersten Rehbock), Kirchgänger und liebte das Theater. Doch wenn er Benzinduft schnupperte, ließ er alles liegen, sagte ein Mitstreiter. Hahn spielte bei der Gründung der Auto-Union in Chemnitz eine entscheidende Rolle. Ohne ihn gäb’s Audi wohl nicht mehr. Er tanzte auf tausend unternehmerischen Hochzeiten. Doch seine Liebe gehörte 35 Jahre lang dem Zweitakter. Und der Marke mit den drei geheimnisvollen Buchstaben aus Zschopau. Er ist und bleibt der „DKW-Hahn“.
In Gratzen (heute Nové Hrady), einer kleinen böhmischen Grenzstadt zu Österreich, war er 1894 zur Welt gekommen. Der Vater, Förster wie Generationen vorher, wurde später nach Preßnitz versetzt. Den untergegangenen Ort gibt es heute nur noch für die Fische in der Talsperre. Das namensgebende Flüsschen wohl.
Es fließt in die Zschopau. In Zschopau begann 1922 die Karriere des Dr. Carl Hahn als rechte Hand von Jörgen Skafte Rasmussen, dem Firmenchef der dortigen Motorenwerke. Hahn roch Benzin, und den Erfolg. Bald (1929) stand in Zschopau die größte Motorradfabrik der Welt. Der Vertrieb agierte aus Chemnitz, das damals einen industriellen Ruf wie Donnerhall hatte. Hahn war nominell nicht der Chef aber die treibende Kraft, ein Marketing- und Verkaufsgenie, der den Produktionern
sagte, was draußen ankäme. Das legendäre Motorrad RT 125 etwa, oder (viel später) das geliebte DKW-Cabrio F 91 nach dem Krieg.
Im Gegensatz zu vielen Bankern roch der stets weit voraus denkende Hahn, dass der Motorisierung die Zukunft gehören würde. Freiheit, die ich meine. 1932 erzwang die sächsische Staatsbank den Zusammenschluss der verschuldeten Autoschmieden Audi, Horch, Wanderer und DKW zum Vier-Ringe-Staatskonzern Auto-Union in Chemnitz. Hahn kam gleich in den Vorstand und zog um nach Chemnitz, Dort wurde er „groß“, und er hat Chemnitz als Autostadt großgemacht. Als Aufsichtsratschef rettete er nebenbei die Germania, die noch zu handwerklich aufgestellt war. Als die Russen kamen, floh er in den Westen. Ohne ihn wären die vier Ringe in Ingolstadt und später Düsseldorf nicht auferstanden.
Ob man Watte presst oder Tabak: Ohne Hahn gäb’s o.b. (ohne Binde) nicht, was ihm Millionen Frauen zu danken haben. Dieser Mann dachte nie eindimensional. Und er wusste immer, was geht, und was nicht. Rasmussens Idee vom DampfKraftWagen etwa – keine Chance. Die drei Buchstaben sollten aber mal dank Hahn Gold wert sein… Gold wert für Chemnitz und die Region war, dass Hahn seinem 1926 in Chemnitz geborenen Sohn Carl Horst den unternehmerischen Weitblick und die Managementfähigkeiten vererbte. Der wurde 1982 (genau 60 Jahre nach dem Start des Vaters in Zschopau) Vorstandsvorsitzender von VW. Und sorgte dafür, dass VW Sachsen nicht nur in der VW-Welt heute eine ganz große Nummer ist.